Moin (Moin)!
Wie könnte ein Reisebericht über den Norden Deutschlands auch sonst beginnen?
Vorweg: hiermit sei dem Leser entgegen dem weit verbreiteten Irrtum nicht (nur) ein guter Morgen gewünscht, sondern – abgeleitet aus dem niederdeutschen mooi für „gut“ – adaptierbar für jede Tageszeit schlichtweg ein „Guter“. Und wie der Norddeutsche bzw. Friese weiters mitunter zu sagen pflegt: Rüm hart, klaar kiming! – womit Ihnen zudem in etwa ein offenes Herz und ein klarer Blick gewünscht sei. Und zu sehen und erleben gibt es an diesem Fleckchen Erde wahrlich so einiges! Von den wunderschönen Sanddünen- und Strandlandschaften der Nord- aber auch Ostsee über die typischen reetgedeckten Friesenhäuser, die architektonisch und historisch imposanten Städte der mittelalterlichen Hanse an der Ostseeküste, das Bernstein-Gold der Nord- und Ostsee bis hin zu den nicht minder beeindruckenden landschafsgeographischen Erscheinungen, wie etwa das den Küstenlinien v.a. der Nordsee vorgelagerte Wattenmeer oder auch die roten Sandsteinklippen Helgolands sowie die berühmten Kreideklippen Rügens.









Im Rahmen meiner bisherigen Reisen hatte mich stets der Norden Europas aufgrund seines schier unglaublichen geomorphologischen Facettenreichtums immer in besonderem Maße interessiert. Hier, am Rande Europas, herrschten zu jedweder Epoche geoklimatisch bedingt stets die größten Extrema. Und so wie etwa die Fjorde Norwegens und die Schereninseln Schwedens ein Produkt gewaltiger eiszeitlicher/glazialer Kräfteeinwirkungen darstellen, so ist etwa auch die Ostsee, das Mare Balticum, als ein riesiges, mehrheitlich aus Süß- und nicht aus Salzwasser bestehendes sogenanntes Brackwasserreservoir, ein Produkt der letzten Eiszeit und der mit deren Ende einsetzenden Schmelze der großen Eisschilde und Gletscher dieser Zeit. Aber auch die weiter westlich benachbarte Nordseeküste, mit ihren teils unter dem Meeresspiegel liegenden Marschen, Salzwiesen, Weiden und Siedlungen, welche damals wie auch heute mit diversen Rückhalte- und Deichsystemen vor regelmäßiger Überflutung durch die mit dem Winde tosende Nordsee geschützt wurden und werden, ist ein Produkt gewaltiger geophysikalischer Gewalteinwirkungen über mehrere Jahrtausende.
All das und noch mehr sollte der vorliegende Reisebericht in zwei Teilen (Teil 1: Die deutsche Ostseeküste und Teil 2: Die deutsche Nordseeküste) wie gewohnt anhand einer Mischung aus mit auch wissenschaftlichen Implikationen aufbereiteten landschaftlichen und historischen Sachinformationen, Photos, Videos und Kartendarstellungen nun ein wenig näher erkunden – so zumindest der selbst gesteckte Anspruch.
Auch dieses Mal lade ich Sie daher als Leser/in herzlich dazu ein, mit mir gemeinsam diese spannende Region schrittweise zu erkunden! Für die mehr an den Photos interessierten Leser/innen empfiehlt sich ein schnelleres Durchscrollen, wobei die jeweiligen Photoreihen, bei Klick/Vergrößerung bzw. manchmal zusätzlich Klick auf das (i) jeweils mit Ortsangabe und Beschreibung sofort ins Augen stechen.
Teil 1: Die deutsche Ostseeküste (zur Auswahl der Unterpunkte bitte klicken)
Die mittelalterliche Hanse und ihre Bedeutung bis in die Gegenwart
Halbinselkette Fischland-Darß-Zingst
Rügen – Deutschlands größte Insel
Nationalpark Jasmund & Kreide-Steilklippe
Teil 2: Die deutsche Nordseeküste (zur Auswahl der Unterpunkte bitte klicken)
Nordfriesland – Landschaft, Kultur und Geschichte
Inselwelten der Nordsee – Eiderstedt, Amrum und Helgoland
Teil 1: Die deutsche Ostseeküste
Zwischen alter hanseatischer Pracht, der (Kur)Badewannenfunktion der Deutschen und einem auch heute noch mancherorts bestehenden DDR-Feeling
Entlang der Ostseeküste der Bundesrepublik Deutschland, ausgehend von der ehemals mächtigsten Hansestadt Lübeck an der Grenze der heutigen Bundesländer Schleswig-Holstein im Westen und Mecklenburg-Vorpommern im Osten, führt uns unseren Reise zunächst ostwärts bis zur größten Insel an der Deutschen Küste, Rügen, vorbei an Halbinselketten mit wunderschönen Ständen, vorbei an s.g. Boddenlandschaften, einem Nationalpark sowie weiteren wichtigen einstigen und auch heute noch wichtigen (Hanse-)Städten wie Wismar, Rostock oder auch Stralsund.










Infobox Ostsee: Die Ostsee, das Mare Balticum oder zu Englisch Baltic Sea, ist jenes im Nordosten Europas gelegene, ozeanographisch gesehen besondere Meer, welches im Grunde kein eigentliches Meer im engeren Sinn darstellt, da wesentliche maritime Komponenten wie etwa ein Salzgehalt von normalerweise ca. 3,5% (Ostsee: ca. 0,5-1,8%) sowie ein bestimmter Sauerstoffgehalt (in der Ostsee ebenso unterdurchschnittlich) von anderen Teilen des großen Weltmeeres, wie etwa dem Atlantik (inkl. Nordsee) signifikant abweichen. Dabei entsteht ein s.g. Brackwasser, eine Mischung aus Salzwasser (physikalisch bedingt eher in den tieferen Wasserschichten) und Süßwasser (eher in den oberen Schichten). Die Gründe hierfür liegen v.a. in der Entstehungsgeschichte der Ostsee, welche mit dem Ende der letzten Eiszeit und der damit verbundenen massiven Gletscherschmelze inkl. der Bildung riesiger Süßwasserreservoire auf den Landmassen Europas – von den Alpenseen bis hin zur Ostsee – ihren Anfang nahm. Genau diesem Spezifikum verdankt die Ostsee auch ihren geringeren Salzgehalt (inkl. einer damit besonderen maritimen Flora und Fauna) auf der einen Seite, da aufgrund ihrer topographischen Besonderheiten als ein von Landmasse weitgehend umschlossenes Binnenmeer der Wasseraustausch mit dem Weltmeer bzw. Atlantik via Nordsee nur gering ausfällt (im Westen der Ostsee entsprechend stärker als im Osten). Auf der anderen Seite sammelte sich das eiszeitliche/glaziale Schmelzwasser ähnlich wie bei den großen europäischen Seen ursprünglich auf einer Landmasse, weswegen die Ostsee als s.g. Schelfmeer auch wesentlich flacher (durchschnittlich nur 50-200m Tiefe) ist. Dies wiederum führt aufgrund temperatur- und dichtebestimmter wasserphysikalischer Eigenschaften zu den erwähnten Auswirkungen auch auf die Möglichkeit eines Wasseraustausches und damit verbunden auch Sauerstoffgehaltes. Auch menschbedingte, also anthropogene Einträge und Zuflüsse aus Zivilisation, Industrie, Landwirtschaft uvm. können sich damit in der Ostsee leider in besonders großem Ausmaß agglomerieren und festsetzen, wodurch die Ostsee heute auch leider nach wie vor als das am meisten verunreinigte Meer weltweit gilt. Bezüglich Verunreinigungen hatte die Ostsee in den letzten Jahrzehnten beispielsweise leider auch besonders Unglück in Bezug auf radioaktive Einwirkungen, da beispielsweise ein Großteil des radioaktiven Fallouts aus Tschernobyl 1986 über der v.a. östlichen Ostsee niederging (v.a. Caesium137) und noch heute – allerdings in zumindest für den Menschen gesundheitlich nicht allzu gefährlichem Maße – in besonders starker Konzentration (v.a. in Fauna und Flora) nachweisbar ist. Diverse Kernkraftwerke mehrerer Anrainerstaaten mit ihren bekanntlich auch im Normalbetrieb stattfindenden und von der Atomindustrie gerne bagatellisierten Emissionen an künstlichen Radionukliden wie etwa TritiumH3, taten ihr Übriges.
Quellen:
Allgemeines (fach-)lexikarisches Wissen
Jahresbericht 2017 des Deutschen Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (https://doris.bfs.de/jspui/bitstream/urn:nbn:de:0221-2020041421601/1/JB2017-09_04_2020.pdf)
Becht, S., Talaron S. (2020): Die Ostseeküste. Mecklenburg Vorpommern. Individuell Reisen, Michael Müller Verlag, S.234-244.
Die mittelalterliche Hanse und ihre Bedeutung bis in die Gegenwart
Hinzugezogene Literatur: Puhl, Jan (2014): Supermacht des Meeres. Die Hanse stieg zur dominanten Macht im Ostseeraum auf – ihr Mythos wirkt bis heute. In: Grooßbongardt A., Saltzwedel J. (2014): Leben im Mittelalter. Der Alltag von Rittern, Mönchen, Bauern und Kaufleuten, S. 234-246.
Der Leser/die Leserin fragt sich mitunter an dieser Stelle, was es denn nun mit dieser mehrfach erwähnten „Hanse“ auf sich haben mag. Wer oder was war oder ist die Hanse und in welchem historischen und gesellschaftlichen Kontext hatte sie überhaupt Bedeutung?
Als ab dem 13. Jh. auch an der Nordküste des damaligen mittelalterlichen ‚Heiligen Römischen Reiches‘ (‚Deutscher Nation‘ als Zusatz des 19. Jh.) die Bevölkerung langsam aber stetig wuchs, formierten sich die ersten größeren Städte bzw. Städtebünde. Eine Mitursache dieser Entwicklungen war v.a. auch der expandierende (See-)Handel zwischen dem Süden Europas sowie dem Ostsee- und skandinavischen Raum, wobei die Nordküste des heutigen Deutschlands (eine eigenständige Nation ‚Deutschland‘ existierte damals noch nicht) als idealer Brückenkopf für den Seehandel erschien und sich dementsprechend zu einer wohlhabenden Gegend mit einer entsprechend starken Kaufmannschaft entwickelte. Schon seit dem Frühmittelalter verdingten sich die Bewohner der Gegend in Vielzahl als Handelsreisende ihr Auskommen, man nannte diese fahrenden Händler die ‚Hansen‘. Mit zunehmendem Reichtum stellte sich, ähnlich wie etwa auch mit den Venezianern im heutigen Italien, auch ein entsprechender territorialer Einfluss der Profiteure ein. Immer öfter gelangte man an die Spitze hoher Stadtämter. Zunehmend institutionalisierte sich auch das Tun und Schaffen der ehemals Handelsreisenden in von den großen Städten aus (v.a. Lübeck, Rostock, Stralsund, Wismar und Greifswald, welche 1259 bzw. erweitert 1364/65 ein Hanse-Bündnis schlossen) nun fern-gesteuerten Handelsunternehmungen, mit eigener, von den Fürstentümern weitgehend unabhängiger Buchhaltung sowie eigenen Streitkräften und Armeen, welche ursprünglich eine Schutzfunktion vor Seeräubern und auch vor so mancher fürstlicher Willkür bieten sollten. Anders als man heute vielleicht glauben mag, hatte im Übrigen jene Stadt die wir heute noch am ehesten als Hansestadt kennen, nämlich Hamburg, damals zumindest noch keine Führungsrolle inne.

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht konkurrierte die Hanse bzw. der Hanse-Städtebund (siehe oben) als quasi städtisch-bürgerlicher Parallelstaat mit den regionalen Fürsten, was auch zu einigen Konflikten führte. Darüber hinaus mischte man aber auch in Kriegen zwischen den Fürsten- und Königtümern kräftig mit, so etwa auch in den Deutsch-Dänischen Kriegen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Auch Geschichten wie jene um den berühmten Seeräuber der Ostsee, Claus Störtebeker (falls wahr geboren auf der Insel Rügen, gefangen in der benachbarten Nordsee und hingerichtet in Hamburg), sind eng mit den Hansestädten und ihrem Wirken verwoben.
Der Niedergang ihrer Macht widerfuhr der Hanse im Lauf der darauf folgenden Jahrhunderte, hauptsächlich bedingt durch eine Verschiebung der großen Handelsrouten hin zu einem transatlantischen Handel mit den späteren Kolonien in Süd- und Nordamerika und dem damit verbundenen Aufstieg der Spanier, Portugiesen und später Briten. Das heutige Vermächtnis des aber bis heute hin niemals offiziell aufgelösten Hanse-Städtebundes ist v.a. architektonischer Natur, wobei sich ein ganz eigener, allerdings in manchen Aspekten mitunter auch an die zeitgenössischen Vorbilder, die Venezianer, angelehnter, Architekturstil aus dem für Nordeuropa so typischen roten Backsteinstil („Backsteingotik“) mit seinen zahlreichen bunten Verzierungen entwickelte.
Doch auch identifikatorisch hat der Begriff Hanse noch immer eine gewisse Bedeutung im heutigen Deutschland, was v.a. im Laufe des letzten Jahrhunderts im Zuge nationalstaatlicher Strömungen, z.B. nicht zuletzt auch größere deutsche Traditionsunternehmen wie etwa die Lufthansa oder auch Hansaplast namentlich ganz bewusst dazu bewog, den Begriff in Erinnerung zu halten, welcher für Qualität und kaufmännisches Geschick stehen soll. Im Zuge der Deutschen Nationalwerdung im ausgehenden 19. Jh. erlebte das hanseatische Bewusstsein sowie auch die Bedeutung der Ostsee als Badeort für die natur- und erholungshungrigen industriellen Stadtbewohner eine Renaissance, wobei auch der Grundstein vieler heutiger Tourismuszentren gelegt wurde.
Das Erbe der ehemaligen DDR
Bei all der landschaftlichen und historischen Pracht, darf man jedoch nicht vergessen, dass das heutige Bundesland Mecklenburg-Vorpommern mit den oben genannten Städten mit Ende des 2. Weltkrieges Teil der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde, was auch heute, 30 Jahre nach der Wende, vielerorts noch seine Spuren zeigt. Dabei stellte sich v.a. die im Rahmen des sozialistischen Einheitsstaates zentralistische Flächenplanung als ein Problem bis heute dar, mit zahlreichen, heute weitgehend von Abwanderung bedrohten, teils geisterhaft wirkenden Retortendörfern zwischen den großen Städten inkl. einer auch heute noch relativ unterentwickelten baulichen und verkehrstechnischen Infrastruktur. Doch auch in den Städten, da aber eher außerhalb er bisweilen sehr schön hergerichteten Altstadtkerne, besteht auch heute noch ein gewisser Erneuerungsbedarf. Doch hat sich sich in der letzten 30 Jahren andererseits auch viel getan: neben der wirtschaftlichen Erstarkung in den Städten konnten sich auch finanzstarke Tourismusorte als Arbeitsmarktmotor in der Region herausbilden, sodass mit den steuerlichen Einnahmen auch viel in den weiteren Ausbau der Infrastruktur sowie Stadt- und Ortsbilderneuerung investiert werden konnte.
Städteportraits – Hansestädte
Hinzugezogene Literatur: Becht, S., Talaron S. (2020): Die Ostseeküste. Mecklenburg Vorpommern. Individuell Reisen, Michael Müller Verlag.
Lübeck
Die im Bundesland Schleswig-Holstein an der Grenze zum Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gelegene 214.000-Einwohner-Stadt Lübeck, die ehemals wichtigste der Hansestädte mit verliehenem Stadtrecht 1160, wurde einst auch als die Stadt der sieben Türme bezeichnet und galt stets als unumstrittenes regionales Macht- und Handelszentrum sowie Tor zum Norden Europas. Tatsächlich teilt sie sich auch heute noch diese Funktion hinsichtlich der zahlreichen Fährverbindungen von und nach Lübeck gen Norden nach Skandinavien mit dem nicht allzu fern gelegenen und etwa gleich großen Kiel, der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins. Neben der durch eine weitgehende Schonung vor den Bombardements im 2. Weltkrieg sowie einer jahrzehntelangen DDR-Misswirtschaft (Lübeck lag bereits in der BRD) auch heute noch weitgehend im Originalzustand erhaltenen Altstadt, welche aufgrund ihrer prächtigen Architektur als eine Art Backstein-Venedig des Nordens gesehen werden könnte (wobei diese Bezeichnung so einige Städte in gleich mehreren Ländern für sich beanspruchen), unterstreicht die Stadt ihre traditionsreiche Geschichte neuerdings sogar mit einer eigenen kleinen Fluglinie inkl. eigenem Flughafen. Ganz allgemein, so scheint es, positioniert sich Lübeck seit einiger Zeit als eine Art Gegengewicht zur (heute) großen Schwester Hamburg, welche ihr seit dem ausgehenden 19. Jh. so manch Bedeutung und regionale Führungsrolle strittig machte. Weiters bekannt ist Lübeck zudem als Heimat der Schriftsteller Thomas und Heinrich Mann, wobei auch die mehr oder weniger bekannte Geschichte der Buddenbrooks in Lübeck angesiedelt ist.










Rostock
Mit 209.000 Einwohnern (Stand 2020) ist die ehemalige bedeutende Hanse- und Universitätsstadt (mit der seit 1409 bestehenden ältesten Universität Nordeuropas) die bevölkerungsreichste Stadt im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, nicht jedoch die Landeshauptstadt, welche das kleinere, weiter landeinwärts gelegene Schwerin ist. Wie auch Lübeck oder Wismar war Rostock seit 1259 Gründungsmitglied des hanseatischen Städtebundes. Als bedeutende Hafenstadt lag das ursprüngliche Zentrum der Stadt, ähnlich wie auch bei anderen Hansestädten, an einer Flussmündung (Warnow) etwas landauswärts, verlagerte sich aber mit der Zeit v.a. zum Schutz vor Seeangriffen landeinwärts.
Zwar gibt es heute auch noch Teile der ursprünglichen Altstadt mit den zahlreichen mittelalterlichen und barocken Bürger- und Handelshäuser sowie die alte Stadtmauer, das Rathaus und die historischen Marienkirche zu sehen, jedoch fiel die Stadt im 2. Weltkrieg leider einem großen Bombardement seitens der Alliierten zum Opfer, wobei leider sehr viel zerstört wurde. Die weitgehend nach praktischen Prinzipien und nicht auf den Erhalt historischer Identitäten ausgerichtete sozialistische Baupolitik der DDR in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, richtete weiteren städtebaulich-architektonischen Schaden an, wobei v.a. zahlreiche Plattenbauten und leere Plätze entstanden. Doch auch in der DDR-Zeit hatte Rostock zumindest als Hafenstadt immer noch eine große überregionale Bedeutung.






Wismar
Jene Hansestadt (Stadtrecht 1229) mit der wahrscheinlich am besten erhaltenen Altstadt sowie dem größten historischen Marktplatz Norddeutschlands, ist Wismar (die gesamte Altstadt wurde 2002 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt) – und das trotz mittelalterlicher Großbrände, Pestepidemien, der Betroffenheit im 30-jährigen (Reformations-)krieg sowie einer der zahlreichen unvorstellbaren Aktionen seitens des DDR-Regimes der 1960er: Die St. Marienkirche Wismars wurde vornehmlich aus sozialistisch-antireligiösen Gründen gegen den massiven Widerstand der Bevölkerung einfach gesprengt, übrig blieb lediglich der 81m hohe Kirchturm, dessen freistehender Anblick noch heute Schaudern ob dieser Tat erweckt. Zusammen mit Lübeck und Rostock (und später mit Stralsund und Greifswald) drehte man im mittelalterlichen Wismar mit am Steuerrad des hanseatischen See(-handels-)imperiums, wobei sich Wismar v.a. auf den Getreide- und später Bierexport spezialisierte (besonders am gut erhaltenen und sehr pittoresken Alten Hafen kann man sich dies auch noch ein wenig vorstellen). In den wirren des 30-jährigen Kriegs im 17 Jh. ging die Überhoheit über die Stadt für fast ein Jahrhundert nach Schweden über, welches die Stadt zuvor eingenommen hatte.





Stralsund
Stralsund, das Tor nach Rügen, dessen Altstadt zusammen mit jener von Wismar im Jahr 2002 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde, war ebenso eines der Gründungsmitglieder des Hansebundes und ist heute wahrscheinlich die lebendigste und touristischste der Hansestädte. Direkt an der Meerenge gegenüber der Insel Rügen gelegen, hatte die Stadt v.a. auch dank ’seiner‘ landwirtschaftlich geprägten Insel von Anfang an eine große strategische und wirtschaftliche Bedeutung, ihr landesherrliches Stadtpatent erhielt sie ebenfalls recht früh im Jahr 1234. Wie auch etwa Wismar, war auch Stralsund aufgrund seiner Bedeutung sowie geographisch exponierten Lage mehrfach auch von Außen fremdbesetzt, wobei die schwedisch-protestantische Phase im Zuge der Besetzung im 30-jährigen Krieg auch im Falle Stralsunds eine große Bedeutung hatte (dem vorausgegangen war eine Belagerung durch kaiserlich-katholische Truppen unter dem berüchtigten Feldherren Wallenstein, der zuvor schon Magdeburg verwüsten ließ). Doch auch in den Jahrhunderten danach kam die Stadt nicht zu Ruhe, so etwa in den Napoleonischen Kriegen sowie auch im 2. Weltkrieg, in welchem Stralsund sehr starken Bombardements ausgeliefert war, wobei die größten Teile der historischen Altstadt jedoch wie durch ein Wunder verschont blieben. Besonders malerisch ist dabei im Übrigen das ehemalige Franziskanerkloster zu Johannis, mit zahlreichen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fachwerkstatthäusern sowie nett hergerichteten bewohnten Teilen. Zudem lohnt sich auch der Aufstieg auf die in 90m Höhe gelegene Aussichtsplattform der Stralsunder Marienkirche, mit einem wirklich grandiosen Ausblick auf Stralsund und weit nach Rügen hinüber. Heute liegt der touristische Fokus definitiv auf allem Maritimen; von der weitläufigen und durch zahlreiche s.g. Fischbuden gesäumten Hafenmeile über Museumsschiffe wie dem ehemaligen Übungssegelschiff der deutschen Marine Gorch Fock bis hin zum Meeresmuseum bzw. dem neueren Ozeaneum mit seiner beeindruckenden Schau zum Thema Meeresbiologie und Meeresschutz.


















Halbinselkette Fischland-Darß-Zingst
Hinzugezogene Literatur: Becht, S., Talaron S. (2020): Die Ostseeküste. Mecklenburg Vorpommern. Individuell Reisen, Michael Müller Verlag.
Zu einem regelrechten Tourismus-Hotspot an der deutschen Ostseeküste entwickelte sich die zwischen den Städten Rostock im Westen und Stralsund im Osten gelegene Halbinselkette Fischland-Darß-Zingst (vor ihrer geomorphologischen Verschmelzung ursprünglich zwei separate Inseln Fischland & Darß), nicht auch zuletzt aufgrund der guten touristischen Infrastruktur (von Hotels über Gastronomie bis zu Freizeitangeboten) sowie der weitläufigen Natur- und s.g. Boddenlandschaft (inkl. dem seit 1990 bestehenden zugehörigen Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft). Der Nationalpark ist neben seiner Boddenlandschaft (zum Begriff siehe unten) auch für seine alljährliche frühherbstliche Ankunft der Kraniche auf ihrem Weg nach Süden bekannt.
Bei der Boddenlandschaft handelt es sich im Grunde um eine Art semi-maritimer Auenlandschaft (im Lehrbuch: Grundmoränenlandschaf) mit ruhigen und grünlandumsäumten weit eingeschnittenen Lagunen. Der Name ‚Bodden‘ bezieht sich dabei auf das niederdeutsche Wort für Boden bzw. bodennahe, nicht hügelige Landschaft. Ganz allgemein entsteht hier oft der Eindruck nicht an einer Meeresküste zu sein, sondern inmitten einer Seenlandschaft.
Zu den wichtigsten Orten der Halbinselkette gehören neben dem größten Ort Zingst v.a. auch das sich im letzten Jahrhundert zur einer „Künstlerkolonie“ entwickelte Ahrenshoop (eher mondäner) sowie etwa auch Prerow und Wustrow (eher legerer), wobei diese Ortschaften auch den offiziellen Titel eines Ostseebades mit sich tragen (dürfen).













Rügen – Deutschlands größte Insel
Hinzugezogene Literatur: Becht, S., Talaron S. (2020): Die Ostseeküste. Mecklenburg Vorpommern. Individuell Reisen, Michael Müller Verlag.
Jenseits von Stralsund, wo sich sowohl eine große Brücke zur Überfahrt als auch Fährverbindungen befinden, eröffnen sich die Weiten der Insel Rügen, Deutschlands offiziell größter und neben Sylt an der Nordsee wahrscheinlich auch touristischster und meistbesuchter Insel. Da Rügen aber auch heute noch stark landwirtschaftlich genutzt wird, agglomerieren sich die touristischen Hotspots in einigen Orten/Gegenden, wie etwa rund um den (zumindest offiziellen) Insel-Hauptort Bergen auf Rügen (als inoffizielle „Hauptstadt“ kann man aber wohl sicher Stralsund sehen, wiewohl dieses ja genau genommen nicht mehr auf der Insel selbst liegt), den großen historischen (Kur-)Badeorten/Seebädern (u.a. Binz und Sellin) im Insel-Osten, oder auch rund um die Halbinselketten Hiddensee im Insel-Westen (Autoverbot) und Jasmund inkl. namensgleichem Nationalpark (der kleinste Deutschlands) im Insel-Nordosten. In letzterem liegt im Übrigen auch das Insel-Wahrzeichen, die bekannte Kreideklippe Königsstuhl sowie der umfangreiche Baumwipfel-Naturlehrpfad bei Prora.
Aufgrund eines begrenzten Zeitbudgets sowie der beachtlichen Inselgröße (über 900km2) musste sich die Erkundung der Insel leider auf gewisse Bereiche konzentrieren (v.a. Bergen in der Inselmitte sowie Inselosten/Nationalpark Jasmund ), wobei leider auch bekannte und sehenswerte Ziele wie beispielsweise die Seebrücke im Seebad Sellin oder auch die malerische Halbinsel Hiddensee für einen eventuellen erneuten Besuch zu späterem Zeitpunkt ausgespart werden mussten (bei Interesse finden sich hierzu aber im Internet entsprechende Informationen und Bilder).
Nationalpark Jasmund & Kreide-Steilklippe
Der Nationalpark Jasmund im Insel-Nordosten ist der kleineste Nationalpark Deutschlands und erstreckt sich von den geschützten Buchenwäldern (Teil des UNESCO-Weltkulturerbe) im Inselinneren bis hin zur berühmten, bis zu 118m hohen Kreide-Steilküste mit dem Königsstuhl, dem Wahrzeichens Rügens, bei welchem sich auch das sehr sehenswerte Nationalparkzentrum mit einer großen und sehr interaktiv-gestalteten Ausstellung zur geologischen und naturräumlichen Beschaffenheit der Region befindet.
Die Geschichte der Kreideklippen Rügens beginnt einerseits vor ca. 70 Millionen Jahren mit dem Urmeer Thetys bzw. den über Jahrmillionen angesammelten Überresten seiner pflanzlichen und tierischen Meeresbewohner, allen voran Muscheln und Korallen. Somit ist die geologische Beschaffenheit des Kreidegesteins v.a. organischen Ursprungs und damit im engeren Sinne eigentlich gar kein Gestein, was im Übrigen auch für den beliebten und regionsspezifischen Bernstein als gepresstes Baumharz aus Urzeiten mit entsprechenden tierischen Einschlüssen gilt. Andererseits entstanden die Kreide-Klippen in ihrer Form erst mit dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 10.000 Jahren und damit dem Beginn der heutigen Ostsee (siehe auch blaue Infobox Ostsee zu Seitenbeginn). Dabei entstanden die Kreideküsten der Ostsee im Allgemeinen und Rügens im Vorliegenden durch gletscherrückzugsbedingte Gesteins- bzw. Wassererosionen, wobei Landmasse einfach absplitterte und ins übrige Gletscherwasser (die sich bildende Ostsee) stürzte. Gleichzeitig erhob sich die Landmasse aufgrund eines geringeren Gewichtes auf der Landmasse durch die vormaligen massiven Gletscherschilde. Durch Wind und Wetter erodierte die sich dabei gebildete brüchig-feine Kreide-Küstenlinie weiter, die im Querschnitt betrachtet auch interessante Einschlüsse und Schichten aus vielen Erdzeitaltern offenbart, wodurch es auch heute noch zu regelmäßigen Felsstürzen kommt.
















Teil 2: Die deutsche Nordseeküste
Nordfriesland: Vom Watt(-meer), den Gezeiten, Salzmarschen und traumhaften Nordseeinseln
Von den Hansestädten der Ostsee (nord-)westwärts, führt uns – wieder ausgehend von Lübeck – die Reise nun in einen beschaulicheren, weniger dicht besiedelten sowie v.a. auch landschaftlich andersartig geprägten Teil Deutschlands, in die Region/“Landkreis“ Nordfriesland im Bundesland Schleswig-Holstein.
Wo die sanfte Ostsee die Landschaft meist noch zu binnenländisch anmutenden Boddenlandschaften und weit ins Landesinnere eingeschnittenen sanften Küstenlinien prägte, zeichnet nun die rauere Nordsee als „vollwertiges“ Meer (siehe hierzu Info-Box Ostsee in Teil 1) die Küstenlinien andersartig – rauer, sandiger, schlichtweg klassisch-maritimer. Das Ergebnis sind dabei eher Insel- und Halbinselwelten, wie man sie aus anderen Weltmeeren kennt, wie z.B. Eiderstedt, Amrum oder auch Helgoland (mehr zu diesen weiter unten). Wobei dies auch nur zum Teil stimmt, da auch die Nordsee nicht mit voller Gewalt gegen Steilküstenabschnitte prallt, sondern hier v.a. das so genannte Watt(-meer) eine landschaftlich sehr tragende Rolle spielt (nähere Infos hierzu an späterer Stelle bzw. in der Infobox Watt(-meer)).
Historisch gesehen lag diese eher beschaulichere und agrarisch-ländlich geprägte Region Deutschlands nicht in vergleichbarem Interesse der regionalen Großmächte wie etwa die Ostseeküste mit ihren bedeutenden Hafen- bzw. Hansestädten. Dennoch finden sich natürlich auch hier Zeugnisse kultureller Vergangenheiten, besonders aus präzivilisatorischen Epochen (z.B. stein- und eisenzeitliche Pfahlbautensiedlungen) sowie aus der Wikingerzeit um ca. 1000 n. Chr.
Zu solchen und weiteren Aspekten, Unterschieden und Entdeckungen führt uns nun Teil 2 unserer spannenden Reise an die Küsten Nord-Deutschlands!


Quelle: http://lsr-sh.de/themen-und-projekte/regionale-fachtagungen.html.






Nordfriesland – Landschaft, Kultur und Geschichte
Hinzugezogene Literatur: Katz, D. (2020): Nordseeküste Schleswig-Holstein. Individuell Reisen, Michael Müller Verlag, S. 285-295.
Rüm hart, klaar kiming! Ein weites Herz und einen klarer Blick!
Vom an den Küsten allgegenwärtigen Watt(-meer) über die reetgedeckten Friesenhäuser, die Windmühlen-Tradition mit den heute zahlreichen Windkraftanlagen/Windparks und die Fischereitradition bis hin zur Friesischen Sprache – welche anders als oft geglaubt keinesfalls als deutscher Dialekt, wie etwa das regional-benachbarte Plattdeutsch, sondern als eigenständige, mit dem Dänischen verwandte westgermanische Sprache zu sehen ist – all das ist (Nord-)Friesland!
Anders als das im Bundesland Niedersachsen gelegene und kurioserweise westlich-benachbarte Ostfriesland (da Westfriesland in den Niederlanden gelegen) bzw. die für ihr pittoreskes Erscheinungsbild so bekannten Ostfriesischen Inseln, gehört das nordwestlich gelegene und hinauf bis zur dänischen Grenze reichende Nordfriesland mit seinen wahrlich nicht minder schönen Inseln Sylt, Amrum oder auch Helgoland offiziell zum Bundesland Schleswig-Holstein und ist gleichzeitig der nördlichste Landkreis Deutschlands. Kulturell jedoch hat man sich stets einen eigenständigen und regionalen Charakter bewahrt, welcher nicht zuletzt auch durch die topographische sowie auch historische Nähe zum nördlichen Nachbarn Dänemark zustande kam. So ist es wichtig zu wissen, dass die gesamte Küstengegend von Sylt im Norden bis St. Peter-Ording auf der Halbinsel Eiderstedt im Süden – welche gemeinhin auch als Uthenland (dänisch für ‚Außenland‘) bezeichnet wurde – seit dem Frühmittelalter ´zunächst Teil des dänischen Wikingerreiches bzw. später des dänischen Königreichs war.
Erst mit der Entstehung der norddeutschen Städte – allen voran der Hansestädte – im 13./14. Jh. wurde die von flachem Küstenland im Westen und sanftem Hügelland im Osten geprägte Region zunehmend von Dänemark abgetrennt und den Fürstentümern Holstein und Schleswig einverleibt.
Doch auch heute noch verstehen sich v.a. die Bewohner der unmittelbaren Grenzregion mancherorts mitunter mehr als Dänen denn als Deutsche.










Nationalpark Schleswig-Holsteinsches Wattenmeer: von Sandbänken, Salzwiesen/Salzmarschen und den Gezeiten
Hinzugezogene Literatur: Katz, D. (2020): Nordseeküste Schleswig-Holstein. Individuell Reisen, Michael Müller Verlag, S. S.274-283.
Im äußersten Nordwesten Deutschlands, von den Ostfriesischen Inseln auf dem Gebiet des Bundeslandes Niedersachsen südwestlich der Elbe (nicht Teil dieses Reiseberichtes) über die Mündung der Elbe hinweg nach Norden ins Bundesland Schleswig-Holstein bzw. in die Region/Landkreis Nordfriesland, erstreckt sich das Watt(-meer)/Wattenmeer sowie seit 1985 auch der Nationalpark Schleswig-Holsteinsches Wattenmeer, welcher zudem 2009 zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt wurde.

Neben dem Sehen und Erleben einer grandiosen von den Gezeiten durch Ebbe und Flut geprägten Wasser-Sand-Schlicklandschaft bietet diese Region auch die Möglichkeit, sich etwa auch mit der maritimen und semimaritimen Pflanzen- und Tierwelt auseinanderzusetzen. Dabei kann auf ein hervorragend ausgebautes und mit zahlreichen geographischen Info-Points zu Landschaft, Bodenbeschaffenheit und Fauna und Flora ausgestattetes Wege- und Wandernetz entlang der Küsten mit ihren Salzwiesen und Marschen sowie den kilometerlangen Hochwasserschutz-Dämmen („Deiche“), mithilfe derer die Region überhaupt erst in dieser Form besiedelt und genutzt werden konnte, zurückgegriffen werden.
Besonders empfehlenswert sind dabei etwa auch die aus Sicherheitsgründen unbedingt geführt zu beschreitenden s.g. Wattwanderungen zwischen den einzelnen Sandbänken und „Halbtaginsel“, den „Halligen“ oder auch der Blick von oben, beispielweise im Rahmen eines Binnenlandesfluges zu einer der großen Nordseeinseln. Für nähere Infos zum Küstenphänomen Watt und den daraus resultierenden Küstenerscheinungen siehe „Infobox Watt(-meer) und Küstenlinien“).






Infobox Watt(-meer) und Küstenlinien: Das „Watt“, abgeleitet aus dem altfriesischen „wad“ für „seicht“/“untief“, ist der Seichtwasser-Übergangsbereich zwischen Nordseeküste und Nordsee, im Grunde jedoch ein weltweit unter mehreren Namen vorkommendes Küstenphänomen im Zusammenhang mit den Gezeiten (Ebbe/Flut) der Ozeane. Dabei führt ein ausgedehnter Niedrigwasserbereich in Küstennähe bei Ebbe zu einer temporären (alle 6 Stunden) Verlandung ganzer Küstenabschnitte (an der deutschen Nordseeküste bis zu 20km Meeresrückzug!). Das Erscheinungsbild des Watt tritt demnach bei Ebbe in Form einer riesigen Sand- und Schlicklandschaft zutage, wobei es aber aufgrund der täglichen Überflutungen mit dem salzhaltigen Meereswasser zu keiner augenscheinlichen Vegetation kommen kann, sodass nur der blanke Sandboden zu sehen ist. Eine Ausnahme stellen jedoch in gewisser Weise die äußersten Ränder des Watt an den Küsten dar, wo die Sedimentation über Jahrtausende zu einer beständigen Verlandung führte, wo heute Salzwiesen/Salzmarschen als salzresistente Überlebenskünstler für eine besonders pittoreske Erscheinung mit zahlreichen „Kanälen“ sorgen (siehe Bilderreihe über dieser Infobox). Neben den Gezeiten als Auslöser eines Watts gesellt sich jedoch auch, ähnlich wie bei der Ostsee, das Erbe der letzten Eiszeit, welche eine große Menge an Sedimenten an den Küsten hinterließ, sodass der Niedrigwasserbereich überhaupt erst als Grundlage einer vollständigen Verlandung bei Ebbe geschaffen wurde. Der örtlich, meist in den Abstand zur Küstenlinie geschichtete Aufbau eines Watts differenziert sich nach dem Wassergehalt: Im s.g. Sandwatt beträgt dieser in etwa 25%, im s.g. Mischwatt liegt dieser bei ca. 50% und beim Schlickwatt zuletzt bei ca. 70%. Eine Begehbarkeit bei Ebbe ist meist nur im Sandwatt-Bereich möglich.
Das weltweit größte Gebiet dieses Küstenphänomens findet man tatsächlich an der europäischen Nordseeküste: von den Niederlanden über Deutschland bis Dänemark über 500km Länge. An der deutschen Nordseeküste Ost- und Nordfrieslands wurde 1985 die Grundlage für den Nationalpark Schleswig-Holsteinsches Wattenmeer geschaffen, die Ernennung zum UNESCO Weltnaturerbe erfolgte 2009.
Zu glauben, dass das Watt jedoch ohne Leben, sprich Fauna und Flora, sei, wäre jedoch weit gefehlt, da das Watt vielmehr ein wahres Sammelbecken und Entstehungsgebiet für Kleinstlebewesen und Mikroorganismen (v.a. Muscheln, Krebse, Krill, Fische, Pilze, uvm.) darstellt. So ist das Watt einer der biodiversesten Regionen der Erde überhaupt, quasi der Anfangsort maritimer Nahrungsketten und damit essenziell für die Nordsee bzw. das ganze Weltmeer.
Quellen:
Allgemeines (fach-)lexikarisches Wissen
Katz, D. (2020): Nordseeküste Schleswig-Holstein. Individuell Reisen, Michael Müller Verlag, S.274-283.
Inselwelten der Nordsee – Eiderstedt, Amrum und Helgoland
Hinzugezogene Literatur: Katz, D. (2020): Nordseeküste Schleswig-Holstein. Individuell Reisen, Michael Müller Verlag, S. 84-123, 175-188, 241-250.
Kilometerbreite feine Sandstrände, weitläufige Dünenlandschaften und eine hautnah erlebbare maritime Flora und Fauna kennzeichnen die (deutschen bzw. nordfriesischen) Nordseeinseln. Dabei lohnt sich auch der Besuch der weniger bekannten Inseln wie etwa Sylt, so z.B. etwa das benachbarte Amrum sowie die von der Küste weiterweggelegene Hochseeinsel Helgoland. Doch auch auf den Besuch der Halbinsel Eiderstedt – mit gut besuchten Orten wie St. Peter-Ording, mit dem größten Strand Deutschlands, oder auch Westerhever mit seinem begehbaren und als Teil des Nationalparks Schleswig-Holsteinsches Wattenmeer mit Beschilderungen und Infotafeln versehenen Erlebnisweg zum bekannten Leuchtturm Westerhever – sollte dabei nicht verzichtet werden! Verträumte Ortschaften und Städtchen, wie etwa die „Holländerstadt“ Friedrichstadt bilden zudem einen netten historische Rahmen im Rahmen eines Aufenthaltes.
Halbinsel Eiderstedt: St. Peter-Ording, Westerhever und Friedrichstadt
Die Halbinsel Eiderstedt, welche in etwa gleich weit in die Nordsee hineinragt wie die benachbarten „echten“ Inseln Amrum und Föhr, bietet zum einen sowohl das klassische Nordsee-Erlebnis, mit weitläufigen weiten Sandstränden wie etwa der bis zu 12km lange, jedoch auch teils sehr gut besuchten Strand von St. Peter-Ording mit seinen bekannten Pfahlbauten (inkl. Gastronomie) am äußersten Westzipfel der Halbinseln und zum anderen auch die Möglichkeit ein wenig in Land und Leute einzutauchen. Ein Stückchen weiter nördlich von St. Peter-Ording, bei der Ortschaft Westerhever, kann zudem ein über 100 Jahre alter Leuchtturm besichtigt werden, welcher vielen als der schönste bzw. klassischste Leuchtturm Deutschlands gilt und inmitten einer von zahlreichen Kanälen durchzogenen und zum Nationalpark Schleswig-Holsteinsches Wattenmeer gehörenden Salzmarschen-bzw. Salzwiesenlandschaft gelegen ist. Dieser kann jedoch ausschließlich zu Fuß vom Küsten-Hauptdeich aus erreicht werden und ist zudem bei Sturmflut oftmals auch gänzlich von Wasser umspült!
Aber auch sehr malerische Städt(chen), wie etwa das im 17. Jh. von holländisch-protestantischen Immigranten als Handelsort gegründete Friedrichsstadt (benannt nach dem damaligen Herzog Schleswig-Holstein-Gottorfs Friedrich III), mit seinem geometrischen und von typisch-holländischen Grachten durchzogenen Ortsbild, sind ein absolutes Must-see. Da Friedrichstadt, ähnlich wie es etwa auch vielerorts in den Niederlanden der Fall ist, auf sumpfigen Untergrund erbaut wurde, konnte das spezielle Know-How der niederländischen Siedler im Bereich des Pfahlbaus und der Trockenlegung effektiv genutzt werde








Insel Amrum
Als eine der ‚äußeren‘ und daher nur mittels (Auto-)Fähre oder auch via Kleinflugzeug erreichbare Nordseeinseln – wie etwa auch das nördlich benachbarte, jedoch viel bekanntere Sylt – ist das halbmondförmige Amrum (Am rem = Am Sand oder friesisch Öömrang) eine der „echten“ Nordsee-Inseln Deutschlands. Und eine äußert schöne und vielseitige noch dazu!
Ganze 15km lang erstreckt sich der feine s.g. Kniepsand (das ist eine über viele Jahre langsam wandernde Sandbank) Amrums vom geschäftigen Fährhafen und Ankunftsort Wittdün (=weiße Düne) im Süden bis zur Amrumer Odde im Inselnorden, mit landschaftlichen und historischen Sehenswürdigkeiten am Weg (darunter z.B. der Leucht- und Aussichtsturm, ein Naturinformationszentrum inkl. vollständigem Pottwal-Skelett sowie die Überreste einer eisenzeitlichen Siedlung). Dazwischen erstreckt sich ein wahres Inselparadies, mit kleinen, von klassischen reetgedeckten Friesenhäusern sowie auch mondänen Ferienhäusern durchzogenen Dörfchen, wie etwa die besonders schöne Ortschaft Nebel.








Insel Helgoland
Die einzige Hochsee-Insel Deutschlands, welche genau genommen aus zwei Inseln besteht – einer eher felsigen Hauptinsel und einer dieser vorgelagerten reinen Sandinsel mit Flugplatz („Düne Helgoland“) –, befindet sich in ca. ca. 60km Luftlinien-Entfernung vom Festland und ist entweder mittels Fähre (ca. 3h von Cuxhaven bzw. Büsum) oder auch via Kleinflugzeug erreichbar (ca. 20min vom Flugfeld Büsum) erreichbar.
Neben der an eine einzige große Badeinsel erinnernden Düneninsel mit dem Flugplatz sowie zwei fabelhaften Seerobben-Beobachtungsplätzen (Kegelrobben-Bänke) ist die Hauptattraktion der Hauptinsel der ca. 3km lange Küsten- bzw. Klippenwanderweg zum Wahrzeichen Helgolands, der ‚langen Anna‘, einem ca. 50m hohen Felsmonolithen aus buntem bzw. rotem Sandstein. Der farblich auf eisenoxidhaltige Gesteinseinlagerungen zurückzuführende rote Sandstein prägt ganz allgemein das Erscheinungsbild der Hauptinsel, an deren Felswänden zudem auch eine Vielzahl an Seevögeln brüten, wie etwa die Seemöwe sowie der wahrscheinlich aus Schottland zugewanderte Basstölpel. Auch findet sich weltweit einzigartig nur auf Helgoland der seltene rote Feuerstein, welcher seine Farbe ebenso dem hohen Eisenanteil im Gestein verdankt. Geschichtlich gesehen ist das heutige Erscheinungsbild Helgolands auf zahlreiche menschliche Eingriffe in das Landschaftsbild zurückzuführen, etwa mittels massiver Aufschüttungen sowie einem gänzlichen Wiederaufbau aufgrund der nahezu vollständigen Zerstörung jeglicher Siedlungsstruktur im Zuge des 2. Weltkriegs. Historisch weiters wissenswert ist, dass Helgoland (friesisch heiliges Land) sowohl in den beiden Weltkriegen als auch schon weit zuvor in den Napoleonischen Kriegen sowie im deutsch-dänischen Konflikt des 19. Jh. aufgrund seiner besonders strategischen Lage vor der deutschen Küste stets heiß umkämpft war. So wurde zum einen die s.g. Kontinentalsperre Frankreichs gegen England via dem durch England besetzten Helgoland erfolgreich umgangen. Zudem fand 1864 hier auch eine wichtige Schlacht Preußens gegen die dänische Flotte unter Mithilfe durch die verbündete österreichische Marine unter Admiral Tegethoff statt (seither gibt es in Wien auch im Gedenken eine Helgolandgasse).









