Wenn man dieser Tage an jenes medien- bzw. politiktheoretische Konzept des deutschen Medienwissenschaftlers Thomas Meyer denkt, mit dem er Anfang des Jahrtausends nicht unberechtigt vor einer „Kolonisierung der Politik durch die Medien“ mahnte, so konnte er mitunter jene seither erfolgten weiteren Entwicklungen jedoch noch nicht absehen. Denn während man sich in den letzten Jahren, wie so oft unumgänglicherweise retrospektiv, vermehrt der Analyse politischer bzw. parteipropagandistischer Kommunikation im Spektrum neuer Medien widmete, übersah man dabei womöglich den Kehrwert dieser „Entertainisierung“ von Politik: Die zunehmende Verschmelzung von Medien und Politik und die reversive Gefahr für eine seit der europäischen Aufklärung historisch errungene Unabhängigkeit der medialen Funktion einer die Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaats überwachenden „4. Säule“.
So mutet es dieser Tage letztlich doch suspekt an, wenn inhaltliche bzw. methodische Kritik an journalistischer Berichterstattung hinsichtlich ganz bestimmter Parameter, wie etwa der argumentativen Ausgewogenheit oder der Quellenvarietät mit einem Angriff auf „die Medien“ gleichgesetzt wird, da man sich hierbei – unter politischer Einflussnahme wohl nicht ganz zufällig – gegenüber dem eigenen Werte- und Identifikationskontext abschottet, gar sakralisiert. Kritische Nachfragen werden dabei nicht allzu selten in öffentlich wirksamer Denunziation in Richtung eines als solchen kommunizierten Angriffs auf die Pressefreiheit gebracht bzw. mundtot gemacht. Seriös argumentierte Kritik wird dabei strategisch geplant mit unseriöser Kritik, die oft aus einer ultrarechten -oder linken Ecke kommt, vermengt, um eine Legitimation dafür zu haben, nicht weiter auf die Inhalte der Kritik eingehen zu müssen. Dass man damit jedoch nicht nur das Ideal echter Pressefreiheit verrät, welches auch stets mit den Idealen von Wissenschaft und Meinungsvielfalt gekoppelt war, sondern auch das Vertrauen der Menschen in dieses Ideal und die hierfür notwendige politische, konkreter parteipolitische Unabhängigkeit sowie das zumindest Streben nach Objektivität erschüttert, wird dabei leider meist nicht bedacht.
Folgenschwer sind jedenfalls die daraus resultierenden Entwicklungen, nämlich die zunehmende Abwendung der Menschen von traditionellen bzw. etablierten Informationsquellen und die Hinwendung zu diversen in sich abgeschotteten „sozialen Bubbles“, welche in weiterer Folge idealer Nährboden für Parallelgesellschaften und diverse Verschwörungstheorien sind. Diese Entwicklungen einer zunehmenden Separierung von Medien und Bevölkerung beobachtete etwa auch der deutsche Medientheoretiker Norbert Bolz bereits sehr früh (Theorie der neuen Medien, 1990). Zudem kommt es vielerorts in weiterer Folge auch zu einer Form von „Biedermeierisierung“ unter Medienkonsument/innen: Viele Menschen fühlen sich zunehmend ohnmächtig gegenüber einem politmedialen Meinungsgefüge und versuchen sich zur Abwendung „innerer Unruhe“ davon gänzlich zu distanzieren, wozu oft auch generelle Mediendistanzierung sowie Vermeidungsverhalten politischer Themen im Alltag gehören.
Leider scheint dieses gesamtgesellschaftliche Bedrohungspotenzial jedoch bislang leider nicht in ausreichendem Maße den führenden Kreisen der Medienindustrie zu Bewusstsein gelangt zu sein, wenn man dieser Tage beispielsweise von einem Chefredakteur eines Wiener Wochenblattes, das bekannt für seine ideologischen Kampagnen gegen ausgewählte Gegner (meist polit-ideologisch) und seinen hohen Inseraten-Einzelanteil einer politischen Partei ist, wie selbstverständlich lesen darf, dass man als Blatt keiner Objektivität verpflichtet sei. Auch ehemalige Qualitätsmedien auf Umweltpapier, verfahren immer weniger nach dem Prinzip des zumindest Strebens nach Objektivität als viel mehr nach populistisch-gestalterischen Motiven in der Narrativsetzung potenzieller Wähler/innen. Und auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk schneidet dieser Tage gerne Meldungen in Abfolge, Zusammenhang und Aussage ein wenig politisch zu, sorgsam ausgewählte Interviewgäste übernehmen den Rest. Auffällig dabei ist auch die zunehmende interreferenziell-gegenseitige Bezugnahme zwecks Quellenbelegen unter ideologisch-gleichgeschalteten Medien, wobei der Anschein einer Quellenvariation entsteht. Traditionell bestehende, in Öffentlichkeit jedoch unehrbarerweise stets dementierte, parteipolitische Verflechtungen auf der personellen Ebene dienen dabei als Bindeglied zwischen Medien und Politik. Gleichzeitig sehen sich derlei Köpfe bzw. die dahinter wirkenden und durch teure Zeitungsinserate gesponserten parteilich beeinflussten Thinktanks auch weiterhin in der ihrer Ideologie entsprechenden thematischen und moralischen Deutungshoheit bzw. in der Kommunikation von „Wahrheit“ und übersehen damit die Zeichen der Zeit: Einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft, in treue Verteidiger dieses Systems auf der einen und – leider auch oft überkritische – Skeptiker auf der anderen Seite, wird damit leider Vorschub geleistet. Falls sich also der mediale Habitus künftig nicht wieder mehr in Richtung echter Meinungsvielfalt bzw. der Auseinandersetzung mit und dem Respekt vor unterschiedlichen Meinungen und Ideologien hinentwickeln sollte, werden sich viele Menschen fatalerweise immer weiter vom Glauben an die tatsächliche Notwendigkeit einer unabhängigen 4. Säule im Staate abwenden.