Im topographischen Herzen Ost-Österreichs, an der Grenze zwischen dem südwestlichen Niederösterreich und der Obersteiermark, liegt – eingebettet zwischen den Ybbstaler Alpen im Westen und den Türnitzer bzw. Mürztaler Alpen im Osten (alle Teil der Nördlichen Kalkalpen) die Kultur- und NaturregionMariazellerland, mit dem auch international bedeutsamen Wallfahrtsort und österreichischen Kulturdenkmal Mariazell.
Wenngleich sich das Mariazellerland zwar administrativ auf die Landesgrenzen der Steiermark beschränkt, ist es jedoch stark mit dem angrenzenden niederösterreichischen Mostviertel – und hier v.a. mit dem nahen Ötscher- und Dürrensteingebiet – landschaftlich und touristisch verzahnt. Aus diesem Grunde wird das in diesem Beitrag auch gegenständliche und eigentlich schon in Niederösterreich gelegene Wildnisgebiet Dürrenstein – ein Naturdenkmal, zu welchem der “letzte größere Urwald” Österreichs, der Rothwald* gehört – auch zum Mariazellerland dazugezählt.
* Informationen zum Rothwald und den geführten Tour-Angeboten unter:https://www.wildnisgebiet.at/portraet/. Die Tour “Wälder die Geschichte erzählen” führt ins Kerngebiet des Rothwaldes.
Die Kultur- und Naturregion Mariazellerland liegt, verteilt auf mehrere Talseiten und Anhöhen und umgeben von den bis zu 1800m hohen Gipfeln der steirischen und niederösterreichischen Ybbstaler-, Türnitzer- und Mürztaleralpen, inmitten des Mittelgebirges der Nördlichen Kalkalpen.
Der steirische Hauptort der Region,Mariazell, beherbergt die Basilika Mariä Geburt, in welcher seit dem 12. Jahrhundert ein hölzernes Mariengnadenbild verehrt wird, wodurch Mariazell sowohl in Österreich als auch international ein wichtiger Wallfahrtsort ist (nicht zuletzt führen deshalb auch transnationale Pilgerwege an Mariazell vorbei).
Die Basilika selbst stammt aus dem 14. Jahrhundert, hat also einen gotischen Kern (gut erkennbar an den Spitzbögen des Hauptportals), wurde aber im 17. Jahrhundert im Barockstil erweitert, was sich v.a. auch im prachtvoll geschmückten Inneren zeigt.
Das Tympanon des Hauptportals der Basilika Mariazell, welches eines der Gründungsmythen des Wallfahrtsortes erzählt – nämlich jene der mährischen Markgrafen und König Ludwigs von Ungarn, welche in einer Schlacht über die feindlichen Türken siegten und als Dank den Wallfahrtsort begründeten. Da dieses Ereignis in die Zeit des Baudatums fällt, lässt sich davon ausgehen, dass diese Gründungsmythos-Variante wohl die “bezahlte” der Bauherren zu sein scheint, wie es so oft bei historischen Gebäuden ist.
Blick ins Innere: Es zeigt sich das typisch prachtvolle barocke Architektur- und Kunstelement, bestehend aus viel Marmor und Gold. Im Barockzeitalter des 17. und 18. Jahrhundert war dieses Übermaß an Pracht, v.a. in Sakralgebäuden, als Zurschaustellung der Herrlichkeit Gottes eng mit der Gegenreformation und der Stärkung des Katholizismus verbunden. In der Mitte des Altars thront das bereits genannte Marienbild.
Bilder aus dem Inneren: Zu sehen sind die prachtvollen Fresken, Darstellungen und Statuen bzw. auch die s.g. “Wiener Orgel” (2. bzw. 3. Bild von links). Die Kirche wurde bis 2007 gänzlich restauriert.
Auf dem Weg zum Wildnisgebiet Dürrenstein bzw. zumRothwald, Österreichs letztem größeren Urwald-Rest, gelegen im angrenzenden niederösterreichischen Mostviertel. Hier thront der 1893m hohe Ötscher, nach dem Schneeberg (2086m) der zweithöchste Berg Niederösterreichs.
Der Morgennebel lichtet sich, hier am Treffpunkt Langau-Maierhöfen, von wo aus die geführte Wanderung “Wälder die Geschichten erzählen” zum Wildnisgebiet Dürrenstein bzw. dem Rothwald startet.
Von hier aus geht es im Autokonvoi auf einer bewusst geheim gehaltenen und auf keiner Karte eingezeichneten Route (man will unangemeldete Tourengeher fernhalten) zum Rothwald.
Blick auf den Rothwald im Wildnisgebiet Dürrenstein, am Fuße des Dürrenstein (1878m), des dritthöchsten Berges Niederösterreichs. Der Rothwald steht interessanterweise namenstechnisch in keinem Zusammenhang mit seinen jahrzehntelangen Schutzherren, der Familie Rothschild, sondern ist wahrscheinlich abgeleitet vom Begriff der Rotte (Ansammlung von Wildtieren) und wurde – was man aus Bodenprobenanlysen weiß – als einer der ganz wenigen Flecken Erde im Laufe der letzten Jahrtausende vom Menschen nicht genutzt (“Urwald”). Dies verdankt er wahrscheinlich seiner Unzugänglichkeit und topographischen Abgeschiedenheit. Bereits im Jahre 1875 erkannte man die Einzigartigkeit des Gebietes und im Namen erster Naturschutzgedanken kauften die Baronen Rothschild weite Teile des Waldes und stellten diesen unter Schutz. Ab dem Jahr 1997 bzw. 2003 forcierten das Land Niederösterreich, die Österreichischen Bundesforste als Grundeigentümer sowie die Weltnaturschutzorganisation IUCN als rechtlich-bindenden Rahmen für den Wald die Etablierung eines Wildnisgebietes gemäß der international gültigen Stufen-Kategorisierung (1. Wildnisgebiet –> höchster Schutzstatus, 2. Nationalpark –> zweithöchster Schutzstatus, 3. Biosphärenpark –> dritthöchster Schutzstatus). Heute ist das Wildnisgebiet Dürrenstein zudem UNESCO-Weltnaturerbe.
Alsbald ging es schon los, mit einem äußerst kosmopolitisch-gebildeten Tourführer, der im Rothwald die Funktion eines Försters einnimmt und uns viele Details zur Flora und Fauna des Wildenisgebietes Dürrenstein und im speziellen des Rothwaldes darbrachte und die biophysikalischen Wechselwirkungen unterschiedlicher Waldtypen in Anbetracht gegenwärtiger und auch künftiger Herausforderungen mit Witz aber auch auch dem nötigen Ernst und der nötigen Rhetorik erklärte.
Erster Blick ins “Dickicht” des Waldes. Der Rothwald bildet die “natürliche” Erscheinungsform des Waldes in einem Mittelgebirge nördlich des Alpenhauptkammes auf der entsprechenden geographischen Breite ab, nämlich einen Fichten-Buchen-Tannen-Wald. Diese Mischung gilt jedoch nicht etwa für tiefer gelegene Gebiete in Österreich, wo eher weniger Fichtenanteil, dafür mehr Eichenanteil vorherrscht bzw. vorherrschen würde. Da bis heute jedoch weite Teile der ursprünglichen Vegetation vom Menschen aus ökonomischen Gründen verändert wurden (“Negativbeispiel” Waldviertel im Norden Niederösterreichs), finden sich heute wie bereits erwähnt nahezu keine anderen Beispiele natürlicher bzw. wenigstens naturnaher Vegetation. Genau deshalb ist der Rothwald auch so einzigartig.
Eindrücke aus dem Rothwald…
Eindrücke aus dem Rothwald…
Eindrücke aus dem Rothwald…
Eindrücke aus dem Rothwald…
Hier ein Beispiel chemischer Verwitterung (Die Säuren des Pflanzenbewuchses graben sich über viele Jahre Rillen ins Gestein).
Eindrücke aus dem Rothwald…
Ein anschauliches Beispiel eines “Fresskreislaufes”: Wenn Borkenkäfer – die anders als in einem Wirtschaftswald mit Monokulturen – in einem gesunden Mischwald ein natürliches und ansich harmloses Vorkommnis darstellen, fressen alsbald Spechte Löcher in einen Baum, um den Baum von den Borkenkäfern zu befreien bzw. sich von diesen zu ernähren.
Anders als in einem Wirtschaftswald, werden in einem nicht bewirtschafteten Wald abgestorbene Bäume immer liegen gelassen – warum?
…. weil diese einen wichtigen Bestandteil eines nährstoffreichen Bodenbildungsprozesses in einem Wald ausmachen…
….und aus dem toten Bäumen mit der Zeit neu Bäume entstehen!
…. was jedoch seine Zeit braucht, doch Zeit spielt in einem “menschfreien” Raum keine Rolle, und das ist gut so. Die kleinen Bäumchen auf dem Bild, es sollen einmal Fichten werden, sind nach Schätzung des Försters bereits älter als 10 Jahre!
… doch zunächst beginnt man klein, wie immer im Leben 🙂
… auch andere Pflanzen entstehen aus alten Bäumen.
Ein Waldameisen-Haufen, die Baumeister und Reiniger des Waldes.
Eindrücke aus dem Rothwald…
Pilze lassen sich an den an der Oberfläche erkennbaren kleinen Furchtkörpern erkennen, in Wahrheit jedoch besteht der Hauptteil des Pilzes aus einem oft mehrere Hektar großen Areal unter dem Waldboden! Pilze gehören damit zu den größten Lebewesen dieses Planeten.
Eindrücke aus dem Rothwald…
Zu guter Letzt noch ein kleines Highlight: Hier steht nach Aussage des Försters mit hoher Wahrscheinlichkeit Österreichs höchster Baum, eine ca. 600 Jahre alte Fichte mit einer Höhe von 67m!